Der Charakter eines Menschen ist unsichtbar, wenn er sich in einer Umwelt befindet, in der alles geregelt ist. Die Frage ist, ob das erstrebenswert sein soll.
Die Sache ist recht einfach: Wenn es ein Gesetz gibt, dass man jemanden der hingefallen ist aufhelfen muss, dann ist nicht erkennbar, ob der Mensch, der einem gerade geholfen hat, das getan hat weil er einen guten Charakter hat.
Wenn es dieses Gesetz nicht gibt, kann man sich hingegen sicher sein, dass es passiert ist, weil derjenige einen guten Charakter hatte.
Was gut klingt, bis die Gesetzte schlecht werden.
Case and Point: 1850 gab es in den USA ein Gesetz das Menschen verpflichtete Sklaven ihren Herren zurückzubringen, wer einem Sklaven Obdach bot machte sich strafbar. Auch hier war nicht klar, ob jemand der einen Sklaven zurückbrachte, das tat, weil er es tun wollte und weil er mit dem System einverstanden war, oder ob er es tat weil es „die Regeln“ sind und er sich nicht strafbar machen wollte. Was sicher ist, ist dass dieses Gesetz schlecht war.
Charakter ist also nur im unregulierten Bereich sichtbar.
Das führt zu einem logischen Schluss: wenn man davon ausgeht, dass man von Menschen mit schlechtem Charakter umgeben ist und/oder Regeln von guten Menschen gemacht werden, wird man nach Regeln rufen, um den schlechten Charakter zu unterdrücken.
Ist man hingegen davon überzeugt, dass der überwiegende Großteil der Menschen einen grundsätzlich guten Charakter hat und ein „gutes Leben führen will“ und/oder man denkt, dass Regeln von schlechten Menschen missbraucht werden, um ihre Ziele zu erreichen, wird man sich an der Regulation stoßen, weil man es als erdrückend empfindet.
Interessant ist, dass das im Kleinen wie im Großen seine Anwendung findet.
Nach dem zweiten Weltkrieg empfand die Generation, die die Scherben aufräumen müssten dass das alles nicht passiert wäre, wenn sich alle Nationen an Regeln halten müssten und so baute man ein System der emotionslosen Regeln.
Der Politiker war nicht mehr ein Vertreter seines Volkes, sondern ein Vertreter eines Regelwerks in dem sein Volk, genau wie alle anderen Völker, zu operieren hat. Die EU ist in diesem Bezug am weitesten in der ganzen Welt: wir haben Regeln für absolut alles und aus oben genanntem Grund.
Diese Art zu leben ist rational, methodisch, berechenbar und völlig charakterlos und öde.
Frankreich hat keinen anderen Charakter mehr als Deutschland oder Italien, zu mindestens was seine Gesetze angeht. Das Problem ist, dass die Leute darunter noch immer Charakter haben und diese Charakterzüge unterschiedlich sind, aber alle gezwungen werden so zu tun, als wären wir alle völlig gleich und hätten die gleichen Antriebe.
Carl Benjamin argumentierte kürzlich, dass die Bezeichnung „far right“ in der gelebten Praxis heute, nach platonischer Philosophie, der spirituelle Teil der Politik (thymos) ist, wohingegen die hegemoniale Ordnung (also das was nicht „far right“ ist) den regelorientierte Teil (nous) der Politik darstellt. Ich halte das für zu simplistisch, aber die Schlagrichtung ist interessant.
Organisationen wie die EU haben als erklärtes Ziel die Unsicherheiten der Welt durch klare Regeln zu ersetzen, Personen wie Putin oder Trump aber setzen sich bewusst über die Regeln hinweg auf die man sich geeinigt hat und stellen „ihre Leute“ über das Regelwerk das für alle gilt, was defakto einer Rückkehr zur Politik der Macht führt, die im Denken dieser Menschen absolut und untrennbar mit der Katastrophe des zweiten Weltkriegs zusammenhängt und entsprechende Ängste beschwört.
Was verständlich ist, aber nicht berücksichtigt dass auch in diesem Paradigma meisten Frieden herrschte und gleichzeitig in unserem Regelbasierten Paradigma Kriege und Menschenrechtsverletzungen existierten.
Wir sind es gewohnt die Politik heute als ein rein logisches Problem zu sehen, aber eventuell gilt es die Sache wieder philosophischer zu betrachten und zu akzeptieren, dass Nous (Vernunft) nicht reicht, sondern auch Thumos (seelische Leidenschaft) und Epithumia (körperliches Begehren) eine Rolle in der Politik haben muss.
Die ideale Lösung liegt in einem Ausgleich oder Balance der drei und dieser Ausgleich passiert scheinbar, gerade indem die anderen zwei Faktoren nicht in einem gesunden Ausmaß zurückkommen, sondern wie eine Flutwelle.
Und das ist was wir gerade erleben.
Das hegemoniale System reagiert schockiert und ist unfähig zu reagieren, weil man Thumos nicht mit Nous beantworten kann und selber Thumos nicht versteht.
Das würde auch erklären warum Trump und Putin miteinander reden können: sie sind beide Thumospolitiker, was sie nicht zu Freunden macht, aber sie können einander verstehen: sie sprechen die gleiche Sprache.
Die Gesellschaft der Regeln hat scheinbar versagt, weil es Menschen nicht reicht nach Regeln zusammenzuleben, zumal viele der Regeln, die wir uns in der Geschichte ausgedacht haben ohnehin übel waren, in 500 Jahren wird man über vieles das wir als gerecht empfinden den Kopf schütteln.
Regeln ersetzen keinen guten Charakter und eine Welt, in der wir weniger Regeln haben ist eine Welt in der Charakter wieder sichtbarer und damit wichtiger wird.
Ich für meinen Teil denke nicht, dass das schlecht ist, weil ich rund um mich vorwiegend Menschen sehe, die das Herz am rechten Fleck haben und damit einen guten Charakter und gleichzeitig sehe ich Regeln die uns erdrücken und versuchen die Menschlichkeit aus uns herauszuquetschen, denn Nouspolitik macht uns alle zu seelenlosen, charakterlosen Robotern.
Und wer will schon ein seelenloser Roboter oder aber von solchen umgeben sein?