Erinnert sich noch jemand?

Österreichs Piraten waren einst die Hoffnung auf politische Erneuerung in diesem Land. Im Frühling 2012, zur Blütezeit der Partei, schallte "Klar zum Ändern" durch den staunenden Blätterwald. Jeden Tag erschienen Artikel und Interviews in den Leitmedien. Piraten in der Zeitung, Piraten im Fernsehen, ein Pirat beim Technologieforum Alpbach, ein Pirat im Tiroler Gemeinderat, ein Pirat im Grazer Gemeinderat. Laut mancher Umfragen konnte sich 30% der Wählerschaft "vorstellen", dem neuen politischen Liebling die Stimme zu geben.

Bilder aus den glorreichen Tagen zeigen Versammlungen mit 200 Teilnehmern beiderlei Geschlechts. Die Hoffnung erlosch mit der Nationalratswahl 2013, als es nicht einmal für ein Prozent reichte.

Seither ist es still geworden um die forschen Erneuerer. Presse gab es sporadisch noch, aber ausschließlich Skandalpresse. 2015 stand Gemeinderat und Ex-Pirat Alexander Ofer wegen Drogenbesitz und Veruntreuung vor Gericht; im selben Jahr sorgte Porno-Werbung mit Mikl-Leitner für Aufregung.

Standbild Youtube youtube.com

Abbildung 1: Geistige Nackerbatzerl in der Piratenpartei Österreichs

Bescheiden geworden

Auf der Generalversammlung am Samstag sind neunzehn Parteigänger anwesend -- fast ausschließlich Männer. Ein kleines Lokal in der Wiener Innenstadt dient als Veranstaltungsort; der Rahmen ist familiär und überschaubar.

Eine Generalversammlung ist auch Appell zur Versammlung, ein reflexives Lebenszeichen. Leben tut die Piratenpartei noch, jedoch kann man spüren, dass viele Teilnehmer erschienen sind, um sich schadenfroh am deutlichen Abschwung der Organisation zu weiden. Die einzige Dame weist dem Verfasser freundlich die Tür. Es handle sich um eine geschlossene Veranstaltung, man wolle "nicht ausspioniert werden".

Ganz oben auf Tagesordnung steht die Wahl eines neuen Bundesvorstands -- fünf ehrenamtliche Posten, für die es nur vier Bewerber gibt. Viele andere Ämter müssen in Ermangelung von Kandidaten unbesetzt bleiben. Auch über politische Ziele wird heute abgestimmt. Die anwesende Parteibasis ist nicht nur im Umfang bescheiden; auch die Anliegen zur Abstimmung sind es. Statt Entern der Welt beschränkt man sich bei den Beschlüssen aufs Innerparteiliche: Piratenzeitung, Reform des Schiedsgerichts, Social Media-Strategie. Von Wahlkämpfen ist nicht mehr die Rede.

Neu gewählt werden unter anderem der Mahnwachen-Redner, Freemen-Aktivist und Quantenastrologe Claus Wiesinger, der 2015 für das Amt des Grazer Bügermeisters antrat und von 0,22% gewählt wurde. Die meisten anderen neuen Parteifunktionäre sind die alten Parteifunktionäre und werden einfach in ihren jeweiligen Ämtern bestätigt. Den Männern stehen ruhige Zeiten bevor, mit wöchentlichen Internet-Telefonkonferenzen und gelegentlichem Bloggen. Das Amt des Rechnungsprüfers bleibt unbesetzt.

Ende der Vorstellung

Nach den Formalitäten und Abschluss der Protokolle lockert sich die Stimmung. Gesichter werden fröhlicher, der Ton lebhafter. Am 31. Juli, so das neue Gesprächsthema, hat die Partei etwas zu feiern: das Zehnjahresjubiläum der Piraten in Österreich. The Show Must Go On.

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