Nein, das war nichts und das wird auch nichts mehr werden. Die von der Bild-Zeitung bejubelte Wiederaufnahme des Bundesligaspielbetriebs offenbarte die ganze Tristesse des Fußballs ohne Zuschauer, des „Totaltheaters“ (Ror Wolf), dem ein unverzichtbarer Mitspieler abhanden gekommen war. Da blieb und bleibt nichts anderes mehr als: Tristesse. Dunkelheit. Und der Teufel scheißt auf den größten Haufen und die Bayern werden Meister. Ach so.
Dass es sich beim Profifußball um ein soziales Geschehen handelt, in welchem den Zuschauern im Stadion eine wichtige Rolle zufällt, spüren die Monaden vorm Skyreceiver ebenso wie die Mannschaften in den trostlos leeren Protzarenen, diesen Festungen des Neoliberalismus. Da in den letzten Wochen vielen Menschen bewusst geworden ist, dass sie ihr Leben auch ohne Fußball bewältigen können, wird der von geldhungrigen Fernsehsendern forcierte Geisterspielquatsch nicht der erhoffte Neubeginn sein, sondern der Anfang vom Ende. Das ahnte auch der 11-Freunde-Redakteur Jens Kirschneck (selbst Autor eines unterhaltsamen Fußballkrimis („Schweine befreien“, Berlin 2016)), als er Mitte März schrieb, der Fußball solle sich „auf seine Wurzeln als Spiel und Kulturgut“ besinnen – aber das ist nun auch wieder zweieinhalb Monate her und in der Zwischenzeit siegten nicht die Bedenken der Fans und derjenigen, die davor warnten, die Gesundheit der Spieler zu gefährden, sondern die Sender, die ihre teuren Programme wieder mit Inhalt füllen müssen. Dieses abstoßende Schauspiel wird nicht ohne Folgen bleiben. Es ist vorbei. Zumindest steht das zu hoffen.
Es ist daher der Zeitpunkt gekommen, das kulturelle Erbe des Fußballs genauer zu betrachten, das, was von ihm bleiben wird, wenn der Profifußball längst tot sein wird. Fangen wir mit der Literatur an, und vernachlässigen dabei die Vielzahl von Spielermemoiren, deren Titel sowohl von einem überbordenden Selbstbewusstsein erzählen („Einer wie ich“, „Ich. Erfolg kommt von innen“, „Ich – wie es wirklich war“, „Ich habe es allen gezeigt“ usw.) als auch davon, was aus dem Journalismus stammende Ghostwriter von ihrem Publikum halten. Schweigen wir auch von den Biographien, die über einzelne Fußballer verfasst werden. Im gelungensten Fall handelt es sich Werke, die ihre Leser mit der Geschichte des Fußballs bzw. mit der Rolle des Sports in der Geschichte vertrauter machen, weniger gelungen sind dagegen Hagiographien, die über den Charakter einer Anekdotensammlung kaum hinausgelangen. Überhaupt ist zu fragen, ob solche Dutzendware nicht unreflektierten, ja unbeholfenen Leser als Projektionsfläche dient : Wer nie wie Cruyff gespielt hat, will sich wenigstens als Leser mit ihm identifizieren und ignoriert, dass ein Spiel kaum mit Worten beschrieben, sondern nur durch das Studium der Bewegungen begriffen werden kann.
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Die Verwandlung des Massenphänomens Fußball in Literatur glückt nur wenigen und wie beim Epos und beim Drama zählen die frühesten Formen gleich zu den gelungensten. Die Rede ist natürlich vom im Februar verstorbenen Genie Ror Wolf, der in den späten 1960er Jahren damit begann, das Rohmaterial der Radioreportagen, der Fangesänge und „Expertenmeinungen“ zum Trainingsbetrieb in kunstvollen Collagen zu verarbeiten, dazu verlieh er Weltmeisterschaften und Endspielen durch seine Moritaten und Stanzen den ihnen gebührenden historischen Rang. Aus der bundesdeutschen „Schmach“ von 1978 gestaltete er im Hörspiel „Cordoba Juni 13 Uhr 45“ einen sich steigernden O-Ton-Dialog zwischen dem deutschen Kommentator Armin Hauffe und dem Österreicher Edi Finger und machte aus der Scheiße eines Null-Ereignisses Gold. I werd narrisch.
Wolf hatte ein Gespür für die dem Fußball adäquaten literarischen Formen, während andere Autoren wie z.B. Nick Hornby die Leidenschaft für Fußball ins brunzdumme Leben eines ewig infantilen weißen Mannes einfügen, dessen Schwärmerei für Arsenal London („Fever Pitch“) sich kaum von der fürs Popplattensammeln („High Fidelity“) unterscheidet und ähnlich konventionell erzählt wird. Avancierter und sehr empfehlenswert ist dagegen der Roman „I furiosi“ des italienischen Autors Nanni Balestrini, der die Erlebnisse einer Fangruppierung des AC Mailand in einer kunstvoll den mündlichen Stil nachbildenden Prosa erzählt. Hier wird, ähnlich wie bei Wolf, die Form dem wildwuchernden Inhalt Herr.
Empfehlenswert auch die Ballade „Auf den Tod eines Fußballers“ (Matthias Sindelar) von Friedrich Torberg, die gesammelten Fußballfeuilletons von Jürgen Roth („Fußball!“, „Noch mehr Fußball!“, „Nur noch Fußball!“, „Nie mehr Fußball!“ ) und der Roman „Die Mätresse des Bischofs“ von Eckhard Henscheid, in dem es zwar um Fußball nur am Rande geht, ausgewiesenes Expertenwissen aber dem Erzähler hilft, die Lügen seines Gegenspielers zu entlarven. F.C. (!) Delius‘ Auseinandersetzung mit dem protestantischen Elternhaus in „Der Sonntag, als ich Weltmeister wurde“ kann ebenso das Herz erwärmen wie Jean-Philippe Toussaints kleine Skizze über „Zidanes Melancholie“, weitere Anregungen nehme ich gerne entgegen.
In der nächsten Folge wird es um Fußball und die Musik gehen.